Die Zimmerermeisterin Kerstin Rei steht in einer Männerdomäne erfolgreich ihre Frau.
Im Gespräch„Was Männer im Handwerk leisten, das können wir auch!“
Zwanzig junge Frauen absolvierten im Jahr 2025 in Ostbayern eine Zimmererausbildung. Das entspricht etwa fünf Prozent aller Zimmererlehrlinge in der Region. Vor zehn Jahren lag diese Zahl noch bei null – der Frauenanteil ist also angestiegen, trotzdem sollte er noch viel höher sein. Das sieht zumindest Kerstin Rei aus Untergriesbach so. Die 23-Jährige hat sich nach der Realschule für das Zimmererhandwerk entschieden und mittlerweile sogar den Meistertitel abgelegt. „Was Männer im Handwerk leisten können, das können Frauen auch“, davon ist sie überzeugt und sie selbst ist dafür der beste Beweis. Sowohl in der Ausbildung, als auch im Meisterkurs war sie die einzige Frau – mit ihrer Gesellenprüfung wurde sie Innungsbeste, den Meister schloss sie ebenfalls als Kursbeste ab. Im Gespräch erzählt sie, wie sie zum Handwerk gekommen ist, wie sie sich als Frau in einer Männerdomäne behauptet und was sie am Zimmererhandwerk so sehr begeistert.
Handwerk trifft den richtigen Nerv
Was sie einmal werden wollte, wusste Kerstin Rei lange nicht genau. Ihr Vater arbeitet in der Industrie, ihre Mutter ist Bankangestellte. Erste Berührungspunkte mit dem Handwerk hatte sie über ihren Onkel, der als Zimmerermeister einen eigenen Betrieb führt. „Als Kind bin ich oft mit meinem Opa mit dem LKW mitgefahren, wenn wir meinem Onkel etwas auf die Baustelle gebracht haben“, erinnert sie sich. Schon früh begeistern sie die großen Maschinen – aber auch das Handwerk selbst trifft bei ihr einen Nerv. Mit 13 Jahren ermutigt ihr Onkel sie, ein Praktikum in seinem Betrieb zu machen. „Der Beruf hat mir sofort total gut gefallen. Da habe ich beschlossen, Zimmerin zu werden“, erzählt sie. Nach dem Realschulabschluss absolviert sie zunächst das Berufsgrundbildungsjahr und beginnt anschließend ihre Ausbildung in der Zimmerei Höngberger in Vilshofen. Diese schließt sie 2021 mit Bestnoten ab und wird als Innungssiegerin ausgezeichnet. Nach drei Jahren als Gesellin entscheidet sich Kerstin Rei, die Meisterprüfung abzulegen. „Ich wollte mich persönlich weiterentwickeln – und mir mit der Weiterbildung Sicherheit für meine Zukunft geben“, sagt sie. Mit ihren hervorragenden Leistungen in der Gesellenprüfung qualifiziert sie sich für ein Weiterbildungsstipendium der Stiftung Begabtenförderung berufliche Bildung, das ihr den zehnmonatigen Meisterkurs in Regensburg finanziert. Auch dort ist sie die einzige Frau unter Männern. „Die Zusammenarbeit war super, wir waren ein richtig guter Kurs mit vielen hellen Köpfen“, erzählt Rei. Dass sie auch diesen als Beste abschließt, damit habe sie nicht gerechnet.
Frauen können sich trauen
Kerstin Rei ist es gewohnt, ausschließlich mit Männern zusammenzuarbeiten. Für sie ist das kein Problem. Dafür, dass das trotzdem mit Schwierigkeiten verbunden sein kann, waren alle in ihrem Umfeld sensibilisiert. „Als ich das Lernen angefangen hab, hat der Chef sofort gesagt, dass ich mich melden soll, falls irgendwer einen dummen Spruch macht.“ Dazu ist es nie gekommen – ganz im Gegenteil. Das junge Team im Betrieb hat einen sehr guten Umgang miteinander. Auch im Meisterkurs kommt Kerstin Rei mit den Mitschülern sehr gut zurecht. „Die haben alle gesehen, dass ich weiß was ich tue und mir selbst helfen kann.“ Und falls da doch einmal ein dummer Spruch gekommen wäre, „dann kann ich auch blöd zurückreden.“ Schlagfertig müsse man schon sein, das gibt sie zu, trotzdem könne man als Frau auch in einem traditionellen Männerberuf weit kommen. „Ich möchte andere Frauen ermutigen, ins Handwerk zu gehen.“ Auch das Zimmererhandwerk habe sich, wie viele andere Handwerksberufe, mit dem technischen Fortschritt gewandelt, „der Job ist längst nicht mehr so anstrengend wie früher.“ Natürlich sei die Arbeit trotzdem körperlich fordernd. „Daran muss sich jeder gewöhnen und das ist am Anfang schon schwer. Das geht den Burschen aber nicht anders, wie den Mädels“, meint Rei. Es sei Zeit, dass mehr Frauen den Schritt in klassische Männerberufe wagen – für Kerstin Rei hat er sich ausgezahlt und sie mit ihrem Traumberuf belohnt.
Freude am selber machen
Nach dem Meister kehrt die 23-Jährige zunächst in ihren alten Betrieb zurück – allerdings nur vorübergehend. Langfristig zieht es sie in eine Zimmerei, die sich auf Bundwerke spezialisiert hat. Diese traditionelle Holzbautechnik, bei der Balken schräg über Kreuz oder in Gitterform verbunden werden, ist vor allem in Oberbayern und Österreich verbreitet – dort sucht sie auch einen passenden Arbeitgeber. „Das ist einfach etwas Ursprüngliches, das noch per Hand hergestellt wird“, erklärt sie ihre Faszination für diese besondere Zimmerertechnik. Auch einen Auslandsaufenthalt kann sie sich künftig vorstellen. „Ich habe auch schon überlegt, in Australien zu überwintern und dort ein paar Monate zu arbeiten.“ Egal, wohin es Kerstin Rei verschlägt – die Begeisterung für das Zimmererhandwerk nimmt sie überallhin mit. „Das Schönste ist, wenn in der Früh noch nichts da ist und am Abend steht ein ganzes Haus vor einem oder das Dach ist fertig. Man sieht sofort, was man selbst hergestellt und errichtet hat.“ Diese Haltung verbindet Kerstin Rei mit vielen im Handwerk – egal ob Mann oder Frau: die Freude an dem, was man selbst geschaffen hat.
DHZ-Artikel
Ein Artikel aus der Deutschen Handwerks Zeitung vom 10. Juli 2026.